Die Katastrophe vor der Katastrophe

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, oft als die Katastrophe vor der Katastrophe bezeichnet, zeigte sich erstmals der Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Bürger zu ihrer systematischen Verfolgung. Es wurden nicht nur Synagogen und Beträume, tausende Wohnungen und Geschäfte von Jüdinnen und Juden zerstört und geplündert, sondern auch mehr als 30.000 Männer verschleppt und in Lager interniert. Darunter auch der Schwartauer Eugen Jaschek.

Die Gebrüder Jürgen und Jochen Jaschek; November 1938.

„An jenem Abend kam unser Vater nicht nach Hause“, erinnerte sich sein Sohn Jürgen, der damals in der Auguststraße lebte, an den Abend: „Das beunruhigte uns ernsthaft, weil er immer unserer Mutter Bescheid gab, wenn er nicht pünktlich kommen würde. Erst nach Tagen erfuhren wir, dass er verhaftet worden war und sich im Gefängnis des Kreises Eutin mehrere Kilometer von Bad Schwartau entfernt befand. Die jüdischen Männer aus Lübeck waren mit Bussen in eines der Konzentrationslager transportiert worden. Er blieb in Eutin und hoffte, daß sein Ehrendienst in der deutschen Armee während des 1. Weltkrieges und sein Eisernes Kreuz schon seine Behandlung beeinflussen und zu rascher Entlassung aus dem Gefängnis führen würden. Das war aber nicht der Fall. Er blieb mehrere Wochen im Gefängnis. Meine Mutter sorgte sich dauernd, wo und wie wir leben sollten, denn wir hatten keine Einkünfte. Schließlich ging sie als Maschinennäherin in einer Lübecker Sackfabrik arbeiten.“

Judith Luise „Lucy“ Jaschek und ihre Söhne Jürgen und Jochen wurden in dieser Zeit durch anonyme Lebensmittelspenden unterstützt. Manchmal fand sich ein Korb oder Pappkarton mit Lebensmitteln vor der Wohnungstür.
Eugen Jaschek wurde zwar bereits nach einigen Wochen entlassen, die Familie jedoch wurde am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort später im Konzentrationslager Jungfernhof ermordet.

Allein Jürgen Jaschek überlebte die Schoa und kehrte Mitte August ’45 nach Bad Schwartau zurück, um Freunde und Angehörige zu suchen –vergeblich. Auch die von seiner Mutter vor der Deportation Nachbarn zur Aufbewahrung übergebenen Koffer mit Wäsche, Silberbesteck, Briefen und Bildern waren aufgebrochen und geleert worden. Nicht einmal die Nähmaschine bekam er zurück- man leugnete schlicht, dass die Koffer zur Aufbewahrung übergeben worden seien.

Nach diesen bitteren Erfahrungen wanderte er 1948 in die USA aus. Seine Kindheitserinnerungen veröffentlichte er 1996, die obrigen Zitate sind dort entlehnt. Vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Auguststraße 22 erinnern heute vier Stolpersteine an das Schicksal der Familie.

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